von: Marc Pierschel, Regisseur von „Future Science – Das Ende der Tierversuche?

Wie sieht die Zukunft der Wissenschaft aus – und kommen wir irgendwann ganz ohne Tierversuche aus? Dieser Frage bin ich mit „Future Science – Das Ende der Tierversuche?" nachgegangen. Der Film begleitet Forschende weltweit bei der Entwicklung von Ersatzmethoden und zeigt, dass diese Reise längst begonnen hat. Doch nicht nur vor der Kamera, auch dahinter war das Projekt eine lehrreiche Erfahrung – im Dienst der Wissenschaftskommunikation.

Von der Idee zum fertigen Film

Die letzten Schritte zur Fertigstellung eines Dokumentarfilms gehören oft zu den intensivsten Phasen eines Projekts. Finanziert wurde diese Phase über eine Crowdfunding-Kampagne und zahlreiche Unterstützer:innen – darunter die Stiftung Zukunft Jetzt! –, sodass wir nicht nur die Postproduktion, sondern auch einen großen Teil der Auswertung stemmen konnten.

Die zentrale Herausforderung bestand darin, hochspezifische wissenschaftliche Inhalte so aufzubereiten, dass sie für ein breites Publikum verständlich werden, ohne an fachlicher Tiefe zu verlieren. Im Mittelpunkt des Films stehen drei Technologien, die mir besonders viel Hoffnung machen:

  • Multi-Organ-Chips: miniaturisierte Systeme, die menschliche Organfunktionen für bestimmte Fragestellungen nachbilden.

  • 3D-Bioprinting: der computergestützte Druck von lebendem Gewebe für medizinische Tests.

  • Computergestützte Modelle und KI: Künstliche Intelligenz wertet große Datenmengen aus, testet Wirkstoffe virtuell und simuliert als „digitaler Zwilling" einzelne menschliche Organprozesse.

Diese Ansätze verändern, wie Medikamente entwickelt und wie die Sicherheit von Chemikalien und Alltagsprodukten getestet wird – mit dem erklärten Ziel, Tierleid zu vermeiden.

Die Architektur des Verschweigens

Tierversuche finden hinter fensterlosen Mauern und in abgeschirmten Instituten statt. Was niemand sieht, lässt sich auch schwer hinterfragen. Für einen Film ist das eine eigene Herausforderung: Wie erzählt man von etwas, das bewusst im Verborgenen gehalten wird?

Ich habe mich bewusst gegen Schockbilder entschieden. Sie lähmen, provozieren Abwehr und erlauben es dem wissenschaftlichen Establishment, Kritik als Emotionalität abzutun. Stattdessen habe ich einen anderen Weg gewählt: den Blick auf die Menschen, die das System von innen verändern. In persönlichen Porträts erzählen Pionier:innen von ihren Erfahrungen im Labor, von den Grenzen tierexperimenteller Modelle und vom Widerstand, dem sie begegnen – von ausbleibender Förderung bis zu institutionellen Blockaden. Ihre Botschaft: Der Tierversuch ist nicht alternativlos.

Wissenschaft im Umbruch – und eine Politik des Festhaltens

Während in den Laboren mikrophysiologische Systeme und KI-Modelle an Reife gewinnen, tut sich die deutsche Politik mit dem Wandel schwer. „Future Science" beleuchtet diese Übergangsphase, in der technologische Dynamik und politischer Systemerhalt zunehmend aufeinanderprallen.

Die Bundesregierung plant laut Koalitionsvertrag, Tierversuche aus dem Tierschutzgesetz herauszulösen und in einem eigenständigen Spezialgesetz zu regeln. Etablierte Forschungsverbände sehen darin einen sinnvollen Bürokratieabbau, der die Forschung rechtssicherer und planbarer macht. Kritiker:innen – zu denen ich mich zähle – befürchten dagegen, dass ethische Schutzstandards damit aufgeweicht werden. Auffällig ist vor allem eines: Eine staatliche Strategie, Tierversuche gezielt zu reduzieren, fehlt bislang vollständig.

Auch die Zahlen sprechen für sich. In Deutschland werden jährlich rund 1,5 Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt; hinzu kommt eine ähnlich hohe Zahl sogenannter „Überschusstiere", die getötet werden, ohne je in einem Versuch verwendet worden zu sein. Dass diese Zahlen seit Jahren kaum sinken, zeigt die Grenzen der klassischen 3R-Strategie (Replace, Reduce, Refine).

Der internationale Vergleich macht deutlich, wie zögerlich Deutschland im Vergleich agiert:

  • Niederlande: Mit dem „Transition Programme for Animal-free Innovation" (TPI) verfolgt das Land eine koordinierte staatliche Strategie, die Wissenschaft, Behörden und Industrie systematisch vernetzt, um Vorreiter tierfreier Innovation zu werden.

  • USA: Zulassungsbehörden wie die FDA treiben die Abkehr vom Tiermodell als Innovationsfaktor voran, während die National Institutes of Health (NIH) erhebliche Mittel in sogenannte New Approach Methodologies (NAMs) investieren.

Für mich macht „Future Science" damit etwas deutlich: Es geht längst nicht mehr nur um Tierschutz. Es geht um die künftige Architektur, die Glaubwürdigkeit und die Wettbewerbsfähigkeit biomedizinischer Forschung – und um die Frage, welchen wissenschaftlichen, ethischen und ökonomischen Preis wir für den aktuellen Stillstand zahlen.

Premieren, Festivals und der direkte Dialog

Ein besonderer Moment war die Weltpremiere beim internationalen Science Film Festival „InScience" in den Niederlanden, gefolgt von der Vorführung beim Academia Film Olomouc (AFO) in Tschechien. Die anschließende Kinotour durch Deutschland und Österreich – darunter die Deutschlandpremiere im Filmpalast Köln, zu der viele unserer Protagonist:innen kamen – brachte das Thema einer breiten Öffentlichkeit näher. In Kooperation mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. konnten wir zahlreiche Vorführungen mit anschließenden Filmgesprächen begleiten.

Partnerschaften im Bildungs- und Wissenschaftsbereich

Ein zentraler Baustein für die Reichweite des Projekts ist die Vernetzung mit Bildungseinrichtungen. Gerade im akademischen Umfeld entfaltet der Film seine größte Wirkung. Er holt aktuelle Forschung aus der Abgeschiedenheit des Labors in den öffentlichen Raum.

Um die nächste Generation von Forscher:innen früh an das Thema heranzuführen, fanden viele Screenings an Universitäten statt; viele weitere sind in Planung. So kommen Studierende, etablierte Wissenschaftler:innen und die Öffentlichkeit miteinander ins Gespräch – über die Chancen und Grenzen tierversuchsfreier Forschung. Dieser Ansatz soll künftig noch früher ansetzen: In Kombination mit begleitendem Unterrichtsmaterial kann der Film auch direkt an Schulen eingesetzt werden, um die Debatte schon im Klassenzimmer anzustoßen.

Was ich aus dieser Reise mitnehme

Die Reise des Films ist noch lange nicht vorbei. In den kommenden Monaten sollen die Kooperationen mit Universitäten und Schulen ausgebaut werden und der Film wird in Kooperation mit NGOs in weiteren Ländern zu sehen sein.

Denn das ist meine wichtigste Erkenntnis aus der bisherigen Arbeit: Wissenschaft verständlich und nahbar in den öffentlichen Raum zu bringen, ist der Schlüssel, um Wandel anzustoßen. Wo Menschen die Möglichkeit bekommen, selbst Fragen zu stellen und mitzudiskutieren, wird aus reinem Interesse echte Begeisterung – für eine Medizin, die ohne Tierleid auskommt.

Die Rolle bahnbrechender Technologien

Die Dokumentation hebt besonders die Schlüsseltechnologien hervor, die einen Paradigmenwechsel in der biomedizinischen Forschung ermöglichen:

Multi-Organ-Chips

Mikroskopische Systeme, die die Funktion und Interaktion verschiedener Organe simulieren. Sie erlauben es, die Wirkung von Substanzen gleichzeitig auf mehreren Organen zu untersuchen – völlig ohne den Einsatz von Tieren.

Künstliche Intelligenz und computergestützte Modelle

KI analysiert riesige Datenmengen, erkennt Muster und simuliert komplexe biologische Prozesse. Diese Technologien können präzise Vorhersagen treffen und die Notwendigkeit von Tierversuchen drastisch reduzieren.

3D-Bioprinting

Die Fähigkeit, menschliches Gewebe und sogar ganze Organe zu drucken, eröffnet neue Horizonte. Mit realistischen menschlichen Modellen lassen sich Krankheiten besser verstehen und Therapien effizienter entwickeln.

Hürden auf dem Weg zum Durchbruch

Trotz vielversprechender Ansätze stehen diese Technologien vor bedeutenden Herausforderungen. Ein zentrales Problem ist die Akzeptanz in der Forschungsgemeinschaft. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zögern, auf neue Methoden umzusteigen, da diese oft mit einem hohen Lernaufwand und teilweise erheblichen Kosten verbunden sind. Darüber hinaus mangelt es an finanzieller Förderung: Während Tierversuche häufig großzügig durch staatliche und industrielle Mittel unterstützt werden, fehlt es alternativen Methoden noch an ausreichenden finanziellen Ressourcen.

Ein Appell für Wandel und Bewusstsein

Dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne und der Unterstützung von Stiftungen wie der Stiftung Zukunft jetzt! konnte die Produktion von FUTURE SCIENCE im November 2024 fortgesetzt werden. Die Fördergelder der Stiftung werden für die Auswertung eingesetzt, denn der Film soll im Herbst 2025 deutschlandweit in die Kinos kommen und braucht dafür eine starke PR-Kampagne, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Das Ziel von FUTURE SCIENCE ist es, eine breite gesellschaftliche Diskussion anzuregen und das Bewusstsein für die Relevanz tierversuchsfreier Forschung zu schärfen. Der 90-minütige Dokumentarfilm richtet sich nicht nur an Wissenschaftler*innen und politische Entscheidungsträger, sondern auch an die breite Öffentlichkeit.

FUTURE SCIENCE möchte zeigen, dass ein Wandel möglich ist – für die Tiere, die Wissenschaft und unsere Gesellschaft.

Eine Gruppe vor einem Filmplakat
Foto: Ärzte gegen Tierversuche

Passend dazu:

Forschende in einem Labor

FUTURE SCIENCE: Das Ende der Tierversuche

Die biomedizinische Forschung steht an einem Wendepunkt. Innovative Technologien wie Multi-Organ-Chips, künstliche Intelligenz, 3D-Bioprinting und computergestützte Modelle bieten das Potenzial, Tierversuche nicht nur zu ersetzen, sondern gleichzeitig präzisere, effizientere und schnellere Ergebnisse für den Menschen zu liefern. Dennoch werden weiterhin Millionen von Tieren in der Forschung ei...

Mehr erfahren
Kategorien: Allgemein
Tags: Tierschutz, Tierwohl, Tierethik und Tierrechte, Bildung, Wissenschaft und Forschung