Eine Kuh steht zwischen Rolltreppe und Schaufenstern in einer Shoppingmall. Ein Schwein spaziert über einen leeren Parkplatz und ein Huhn sitzt auf einer Parkbank, als wäre das der normalste Ort der Welt. So sehen die Bilder von Hartmut Kiewert aus: ruhig, fast beiläufig, und gerade deshalb schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen.
Kiewert wurde 1980 in Koblenz geboren und studierte von 2003 bis 2010 Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, sein Diplom schloss er mit Auszeichnung ab. Er lebt und arbeitet in Leipzig.
Seit 2008 beschäftigt sich Kiewert mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier,oder besser: mit deren Missverhältnis. Seine Malerei zeigt Gegenbilder zur heutigen Praxis der Ausbeutung. Schweine, Kühe und Hühner sind bei ihm, in seinen eigenen Worten, "aus Mastanlagen und Schlachthöfen befreit" und erobern Parks, Shoppingmalls und Straßen. Die Tiere handeln, sie werden nicht behandelt.
Schon in seiner Diplomarbeit ging er der Frage nach, ob es aus emanzipatorischer Sicht vertretbar ist, nichtmenschliche Individuen einzusperren, zu züchten und zu töten. Die schriftliche Arbeit behandelt Tierethik, Tierrecht und Antispeziesismus und ist online nachzulesen.
Für Kiewert hängen Kunst und Haltung zusammen. Er lebt vegan und achtet auch bei seinen Arbeitsmaterialien darauf, dass keine tierlichen Bestandteile enthalten sind. Das betrifft Farben genauso wie Pinsel, Leinwände und Grundierungen. Dabei verlässt er sich nicht nur auf altbekanntes, sondern stellt eigene, umfangreiche Recherchen zu pflanzlichen Bindemitteln, synthetischen Pinseln und tierleimfreien Grundierungen an.
Sein Werk gliedert sich in mehrere Serien mit jeweils eigenem Fokus. Stadtraum, Picknick und Interieurs zeigen Tiere mitten im menschlichen Alltag. Ruinen und Status quo verhandeln, was von unserem Umgang mit ihnen übrig bleibt. Companions und Lebenshöfe rücken einzelne Tiere und ihre Geschichten in den Vordergrund. Dazu kommen Zeichnung, Druckgrafik und Malerei auf PE-Plane als eigene technische Ausdrucksformen.
Genau danach fragen wir auch als Stiftung: Wie wollen wir leben, welche Bilder von Zukunft haben wir? Kiewert liefert eines davon, buchstäblich, auf Leinwand.